be queer do Unfug
Was ist Unfug? Ein Regelbruch. Aber einer, der nicht schlimm ist, der niemanden verletzt und nur kleine Normen bricht. Etwas, das zwar gesellschaftlich tabuisiert ist, doch zugleich auch ignoriert, wenn nicht sogar insgeheim akzeptiert wird. Vielleicht sogar als eine Form von persönlicher Freiheit. Formell Sachbeschädigung, doch überall zu finden und für alle sichtbar sind Sticker bzw. Aufkleber im öffentlichen Raum. Sie markieren nicht nur das Revier des lokalen Fußballvereins, sondern schaffen auch queere Sichtbarkeit, ohne dass Queers selbst sichtbar werden müssen.
Es gibt sie fast überall und wir sehen sie alltäglich: Sticker. Egal ob im urbanen oder ländlichen Raum. An Laternen, Stromkästen oder Mülleimern. Stickern ist eigentlich nicht so ganz legal. Es fällt ganz klar in die Kategorie Unfug, denn es bricht eine Norm, doch zugleich ist es ein gewisser Weise gesellschaftlich akzeptiert oder wohl eher ignoriert. Zumindest in mir erregt das immer noch jedes Mal einen kleinen Nervenkitzel. Du schaust dich um. Links. Rechts. Kommt da jemand? Du pulst das Papier vom Aufkleber. Du schaust dich noch mal um. Schnell klebt der Sticker an der nächsten Laterne. Und du gehst weg, als wäre nichts gewesen.
Einen Sticker irgendwo hin zu kleben, möglichst sichtbar, auf Augenhöhe oder an einen anderen Ort, der oft in unserem Interesse liegt, der möchte einfach nur sagen: Hier bin ich. Ich bin sichtbar. Egal ob der lokale Fußballverein, dessen Anhänger*innen ihr Revier markieren oder anderorts die Aufkleber eines Rivalen überkleben, andere lokale Akteure, leider auch wieder immer mehr Faschos und Ewiggestrige, doch stabile Menschen entfernen oder überkleben Faschosticker. Und sogar im Urlaub strahlt dir überall »Nett hier, aber…« entgegen.
Das Stickern selbst ist nicht besonders queer, viel eher machen Sticker queere Existenzen sichtbar. Ein Regenbogen oder eine Pride Flagge auf einer Straßenlaterne ist für alle sichtbar, während sich die klebende Person nicht selbst outen muss, nicht selbst an der Straßenecke stehen und rufen »Hier bin ich, ich bin queer.« Wenn auch inzwischen viele Menschen den Regenbogen mit der LGBTIQ*-Community verbinden, so offenbaren andere, unbekanntere Pride-Flaggen und andere queere Symbole wie Einhörner oder Plüsch-Haifische nur denen ihre wahre Bedeutung, die diese verstehen. Stickern ist für queere Menschen nicht einfach nur Unfug, sondern ein diskretes, fast heimliches Sichtbarwerden gegenüber andere Queers und Allies, die diese Symbole kennen. Sichtbarkeit ist auch »Du bist nicht alleine hier« und kann nicht-geoutete Personen in der Community, besonders in konservativen Umgebungen und mehrfach-marginalisiert Personen unterstützen und Trost schenken. Wenn ich selbst in meinem Heimatort unterwegs bin und queere, feministische und linke oder auch einfach nur Sticker von meinem favorisierten, aber alles andere als lokalen Fußballverein sehen, dann weiß ich, dass ich nicht alleine bin. Dann merke ich, dass hier noch jemand anderes ist, der*die gleichen Interessen verfolgt. Auch wenn wir beide unsichtbar bleiben, wenn wir uns nicht kennen, so bilden wir doch eine kleine, geheime Community.
Im ländlichen Raum ist queeres Stickern auch das Durchbrechen konservativer, heteronormativer Normen. Leider ist es nicht nur ein Klischee, dass der ländliche Raum immer noch der feuchte, neoliberale Traum konservativer Heteros vom beigen Eigenheim, Familie, Hund, Pool und SUV ist. Sauberkeit und Heteronormativität gehört selbstverständlich dazu und für Abweichende scheint oft kein Platz zu sein. Offen sichtbare Queerness passt nicht ins Bild, ebenso übrigens auch feministischer und linker Aktivismus nicht. Und erst recht nicht in Form von Sachbeschädigung. Stickern, egal mit welcher Motivation, ist ein Aufbegehren gegen diese Ordnung und Unsichtbarkeit und zugleich auch das Schaffen diskreter Bünde.








